Hochbetagte begleiten und Not lindern

Von Reinhold van Weegen

Ich möchte den Leser mitnehmen auf den Weg der Begleitung, den ich mit Hilfe von Klangschalen mit Margarete W. gegangen bin. Sie war damals 96 Jahre alt, körperlich und geistig in reduziertem Allgemeinzustand. Laute Atemgeräusche beim Ein- und Ausatmen füllten den Raum und führten zu einer einengenden Atmosphäre. Von innerer Unruhe angetrieben durch körperliche Beschwerden, wie Muskelschmerzen mangels Bewegung, bediente Frau W. häufig die Rufanlage oder rief laut „Schwester!“ und „Ich kann nicht mehr!“. Bei aller Erschöpfung, die ihr körperlich anzusehen war, raffte sie sich immer wieder mit innerer Kraft auf, um auf sich aufmerksam zu machen und nicht alleine sein zu müssen.

Margarete W. wurde als 13. und jüngstes Kind ihrer Eltern geboren und als Nesthäkchen gerade von ihrem Vater sehr verwöhnt. Überhaupt spielte ihr Vater wohl eine bedeutende Rolle in ihrem Leben, wie sich später zeigen sollte. Sie selbst hatte drei Kinder geboren, zwei Söhne und eine Tochter. Einer ihrer Söhne starb vor sieben Jahren an Krebs, und der sie immer sehr verwöhnende Ehemann starb ebenfalls vor mehr als 15 Jahren. Der Tod ihres Sohnes wurde von ihr und ihrer Familie so gut wie nie in der Familie thematisiert. Das Thema „Tod und Sterben“ fand überhaupt keinen Platz im Gespräch mit Familie und Umgebung.
Sie lebte in den letzten acht Jahren in einem Einzelzimmer im Altenpflegeheim, in dem sie sich wohl fühlte. Für die Mitarbeiter war sie eine Bewohnerin mit herausforderndem Verhalten, denn sie konnten nicht erfüllen, was Frau W. an Leere in sich trug.

Regelmäßig, alle 14 Tage, traf ich Frau W.  in ihrem Zimmer, im Fernsehsessel sitzend an, in dem sie sehr aufrecht, mit den Füßen den Boden berührend saß. Von dort aus sah sie mit ängstlich bis kontrollierendem Blick zur Tür, wenn ich diese nach dem Anklopfen öffnete. Angst und Anspannung waren deutlich erkennbare Symptome, weshalb ich zu ihr gerufen wurde. Eine Mitarbeiterin aus der Pflege hatte die Tochter von Frau W. über die sanfte Entspannungsmethode informiert und dass ich sie im Haus anbiete. Nach den ersten Besuchen erkannte sie mich schon von weitem, zeigte mir ein Lächeln oder deutete mir so etwas an wie: „Gut, dass Sie kommen!“.
Im Vorgespräch stellten sich ihre akuten Beschwerden deutlich heraus. Ihre Atmung war oberflächlich, unruhig und laut hörbar. Ein inspiratorischer Stridor wies auf eine asthmatische Atemwegserkrankung hin, die nicht zuletzt für Angst- und Anspannungszustände und Engegefühl im Brustbereich mit verantwortlich war.

Asthma bronchiale ist eine anfallsartig auftretende Atemnot, die durch unterschiedliche Faktoren wie Entzündungen, Infekte und allergische Reaktionen der Atemwege entsteht. Typische Symptome sind Spastiken der Bronchialmuskulatur, Schleimhautschwellung und vermehrte Produktion eines zähen, glasigen Schleims, der schwer abzuhusten ist. Als Status asthmaticus bezeichnet man sehr häufige, akute, schwere oder lang anhaltende Asthma-bronchiale-Anfälle, die zum Ersticken führen können. Durch eine Chronifizierung des Asthma bronchiale können sich Erkrankungen der Lunge (Lungenemphysem) und eine sich daraus entwickelnde Belastung des rechten Herzens (Cor pulmonale) entwickeln.

Ich führte die Klangmassage bei Frau W in ihrer aufrechten Sitzposition aufgrund ihrer Atembeschwerden durch, da sie so besser und freier Atmen konnte.
Da Frau W. erstmalig mit Klangschalen in Kontakt kam stellte ich ihr einzelne Klangschalen und ihre Wirkweise als Vertrauen fördernde Maßnahme behutsam vor. Die Klangschalen positionierte ich um sie. Die Beckenschale stellte ich auf den Boden vor ihre Füße und zwei Gelenkschalen, je eine rechts und links von ihrem Körper auf zwei Beistelltischchen.
„Das brummt ja!“, sagte sie sofort und fasste dann mit der Hand nach der Schale, die sofort verstummte: „Oh, jetzt ist es vorbei! Das wollte ich nicht!“ Ich schlug erneut an, wollte sie nach und nach mit der Schale vertraut machen und erreichte, dass ich sie ihr auf die Hand stellen durfte. Meine Hand lag unterstützend unter ihrer Hand und gab ihr zusätzlich Halt und Sicherheit.
Es hat ihr gefallen – gleich danach fiel sie auch schon wieder aus der nach vorn gerichteten angespannten Haltung erschöpft in den Sessel zurück und stöhnte hörbar. Jetzt schlug ich  die  Beckenschale (ca. zwei Kilogramm) vor ihren unbekleideten Füßen regelmäßig an und ließ ihren Klang nachhaltig schwingen. Frau W. beobachtete aufmerksam mein Tun und lauschte den tiefen Tönen und dem „Brummen“, wie sie die Klänge beschrieb.
Meine Absicht war es, den Bodenkontakt zu intensivieren, um ihre Wahrnehmung dahin zu lenken, Halt spüren zu können und diesen äußerlich und innerlich zu stabilisieren – festen Boden unter sich spüren, Erdung erfahren, tragender Grund. Diese Erdungs- und Basisarbeit wiederholte ich jedes Mal bei unseren Begegnungen. Rituell durchgeführt geben sie Sicherheit, können Spannungen lösen und damit Ängste reduzieren.
Die obertonreichen tiefen Töne der Beckenschale berührten  Frau W. sehr. Gut erkennbare Reaktionen waren:  eine offene Handstellung und lockere Gesichtszüge. Auffällig waren bei Frau W. die schon bei der ersten Klangmassage bereits  nachlassenden Atemgeräusche.
Im nächsten Schritt kam ich zur eigentlichen Körpermassage. Eine zweite Schale stellte ich auf ihren Schoß, um Frau W. Sicherheit und Stabilität durch das aufeinander folgende Anschlagen der beiden tief klingenden Schalen näher zu bringen. Ruhe und Entspannung stellten sich bei ihr ein.
Frau W. ließ sogar zu, dass ich ihren Fernsehsessel aus der aufrechten in eine leicht schräge Position brachte. Dies war bei der vorhandenen Symptomatik besonders überraschend.

In der nächsten Klangmassage nutzte ich dieselben, ihr inzwischen vertrauten Elemente, und fügte weitere hinzu.
Sie mochte es gerne, wenn ich mit der sacht  das „Packing“ durchführte. Dieses Element vermittelte Frau W. Schutzraum und Geborgenheit.
Die Atemgeräusche reduzierten sich deutlich. Ab der dritten Klangmassage waren kaum noch Atemgeräusche zu hören – dem Oberkörper war die Spannung und Enge gewichen.  Ihre Gedanken drehten sich nicht mehr um Angst und Schmerzen, sie fühlte sich getragen durch die entspannende Wirkung der von den Klangschalen ausgehenden Vibrationen und Töne. Aus „tragen müssen“ wird „getragen werden“, aus „sich trauen“ wächst nach und nach Vertrauen“, achtsamer und zugewandter Umgang vorausgesetzt.

So verliefen die Klangmassagen in ähnlicher Weise regelmäßig bei den ersten Besuchen. Aufsteigend stellte ich als nächstes Element die Gelenkschale auf ihre rechte Hand, die ich durch meine linke Hand unterlegte. Zusätzlich schlug ich sie im Wechsel an. Nach einer Weile zog ich meine unterstützende Hand zurück und überließ ihre dem sie tragenden Untergrund. Diesen Ablauf wiederholte ich mit einer zweiten Gelenkschale und ihrer linken Hand. Alle vier Schalen schlug ich im Wechsel, in energetisiernder Richtung an, um ihrer Körpermitte Aufmerksamkeit und Unterstützung zu geben. Meine Intention war außerdem, die kognitive Arbeit mehr in den Hintergrund treten und damit Frau Wolf in ihrer Körpermitte mehr spüren zu lassen.
Um nun die Herzschale (ca. 1,3 Kilogramm) aufstellen zu können, musste ich den Sessel noch weiter in eine Liegeposition bringen. Die klingende Schale, die ich im Raum erweiternden Sinne angeschlagen hatte, konnte ich jetzt auf ihren Solar Plexus aufstellen. Frau W. ließ es auf dieser Stelle immer zu. Sie tolerierte die aufgestellte Herzschale im Bereich des Brustbeins und das behutsame Anschlagen. Hierbei begann ich stets mit dem tiefen Ton der Beckenschale, danach den beiden Schalen auf den Händen und zuletzt die zart angeschlagene Herzschale. Das vollzog ich langsam hintereinander und ließ eine Anschlagpause entstehen, um den Klangaufbau vor dem Ausklingen der ersten Schale zu wiederholen.
Manchmal fielen ihr die Augen vor Entspannung zu. Sobald sie dies dann registrierte, entschuldigte sie sich gleich. Sie schien mit dem Einschlafen eine Missachtung mit mir und meiner Arbeit zu verbinden.

Ich wollte anfangs nicht glauben, was ich fast regelmäßig erlebte. Frau W. kam so sehr in Ruhe, dass sie dabei einschlief und ihre Gesichtszüge sich weiter entspannten. Nach einigen Minuten nahm ich dann die Herzschale vom Solar Plexus, danach die Gelenkschalen von ihren Händen und zuletzt die Schale von ihrem Schoß. Den großen  Klangbogen zog ich über Frau W. mit energetisierender Anschlagrichtung. Dies wiederholte ich dreimal, um ihr damit ein Gefühl von Schutz und Eingehülltsein zu vermitteln.
Um dies zu unterstützen und auch eine Auskühlung des Körpers zu verhindern, legte ich Frau W. ein Pashminatuch (leichtes und wärmendes Tuch) über den Körper. Die Zeit nach der Klangmassage erscheint mir immer wieder als die kostbarste Zeit der Behandlung für Frau W. und auch für mich  Ich blieb in ihrer Nähe, ihr sitzend zugewandt, während sie noch mit geschlossenen Augen ruhte. Ein Klangraum war entstanden, Raum für Entspannung, für Ruhe und Geborgenheit. Ängste traten in den Hintergrund und Vertrauen wuchs.
Jedes Mal wenn ich zu unserer ca. 60 Minuten dauernden Klangmassage kam, sagte ich: „Ich bringe Ihnen wieder ein bisschen Klang!“. Darauf antwortete sie: „Ja, das ist gut!“

Bei meinen Besuchen erzählte sie mir zwischendurch von ihren Kindheitserinnerungen, manchmal vor der Klangmassage, öfter danach. So tauchte immer wieder in Gesprächen oder Bildern ihr Vater auf, auf den sie sehr stolz und der sehr beliebt gewesen war. Er war Musiker und habe ein Orchester geleitet. Einmalig sagte sie mir bevor wir begannen: „Wissen Sie, ich habe geträumt, ich säße mit Vater am Klavier.“ Bei einem anderen Male erzählte sie von sich aus von G., ihrem Sohn, der Jahre zuvor gestorben war, und von ihrem Schmerz darüber. Sie habe nie darüber sprechen können. Ich bot ihr an, ihren Sohn und den Schmerz um ihn mit in die Klangarbeit hinein zu nehmen. Sie stimmte dem Gedanken erleichtert zu und ich erlebte sie während dieser Stunde entspannter als sonst. Frau W. schlief schon früh für kurze Zeit ein, danach immer wieder.

Wie ich von Frau W.s Tochter später erfuhr, hat sie sich immer positiv über die Arbeit mit dem Klang geäußert – das Thema „Sterben und Tod“ fand auch danach mit ihr keinen Raum. Dennoch sei die Mutter zugänglicher geworden und wirkte ausgeglichener und nach ihrem Empfinden auch annehmender, was das Lebensende anging. Sie hätten sich auch nonverbal gut verstanden.

Von Seiten des Pflegepersonals wurde rückgemeldet, dass Frau W., gerade auch als es ihr nach Monaten schlechter ging und sie bettlägerig geworden war, nach meiner Klangarbeit in den nächsten drei bis vier Tagen auffallend besser gegessen habe. Ihre letzten vier Wochen waren gezeichnet von Rückgang des Allgemeinzustandes und Rückzug nach innen. Frau W. schien „sich auf den Weg zu machen“.
Bei meinen Besuchen war Sprache nicht das vorherrschende Element. Die Klänge der Schalen ersetzten die Sprache. Ihre Körpersymptome zeigten dies sichtbar.

Eine Woche nach meinem letzten Besuch bei Frau W. hatte ich einen Fortbildungsbesuch im selben Haus und ging vorher noch zu ihr, um nach ihr zu sehen. Es ging ihr schlecht. Sie aß und trank nur noch minimal. Um ihr die Mundtrockenheit zu nehmen gab ich ihr etwas zu trinken.
Danach verabschiedete ich mich von Frau Margarete W.

Am nächsten Morgen erhielt ich vom Pflegepersonal den Anruf, Frau W. sei gestern Abend in Ruhe gestorben.

Erfahrungen, die ich auf dem Weg mit Frau W. erleben durfte, lassen sich mit den Erfahrungen vergleichen, die wir im Iek, Institut für energetische Klangarbeit mittels neurologischer Untersuchungen in einer neurologischen Praxis durchgeführt haben. Während des Verlaufs einer Klangmassage werden Hirnströme im EEG aufgezeichnet und anschließend ausgewertet. Die EEG-Kurve verlängert sich im Verlauf der Behandlung messbar und dokumentiert somit die Tiefenentspannung mit entsprechender Wirkung.

Klangarbeit lindert auch belastende Symptome am Lebensende – ein spiritueller Weg, der bis heute in mir lebendig ist.