Klangmassage bei schwerstkranken und sterbenden Menschen

Von Reinhold van Weegen

Dürfen wir uns in der Palliative Care einer so relativ jungen Methode bedienen?

Diese Frage ist in jedem Fall zu bejahen, wenn die Wirkung der Methode nachweisbar und ihre Anwendung nachvollziehbar ist. Um die positiven Wirkungen von Klängen wissen wir aus der Musiktherapie, wobei man nicht musikalisch sein muss, um Musik erfahren und erleben zu können. Massage bezieht sich hier auf das Bewegtwerden jeder einzelnen Körperzelle durch Vibrationen, die durch das Anschlagen der Klangschale entstehen. Die Töne und Schwingungen wirken auf den Menschen – auf seinen Körper und seine Seele .
Nachdem wir die Klangmassage vor 5 Jahren kennen gelernt hatten, konnten wir die Methode so weiter entwickeln, dass sie den Bedürfnissen von Menschen mit körperlichen und/oder geistig-seelischen Beeinträchtigungen gerecht wird und zur Linderung vielfältiger Symptome beiträgt („Klangmassage im Gesundheitsbereich, KiG“). Dabei wird individuell, auf die Situation des Patienten bezogen, der Behandlungsablauf erstellt. Die Klangmassage kann unabhängig von der Körperlage des Patienten durchgeführt werden. Akut betroffene Bereiche werden von der direkten Behandlung ausgelassen und die umgebenden Körperregionen durch entlastend wirkende Klangfiguren behandelt. Man folgt grundsätzlich einem Ablauf, der situations- und symptombezogen verändert wird. Tonhöhe, Vibrationsstärke und Rhythmus unterstützen hier die Intention der Klangarbeit. Schwerstkranke und Sterbende lassen sich zumeist gerne auf diese sanfte Therapie ein, die ihnen hilft, sich zu entspannen, Ängste abzubauen, Kraft zu schöpfen und die „eigene Mitte“ wiederzufinden. Um einen ersten Eindruck der möglichen Einsatzgebiete und Wirkweisen der Klangmassage in der Palliative Care zu vermitteln, werden im Folgenden zwei Praxisbeispiele aus der Sicht des Therapeuten und der Erfahrungsbericht einer Patientin vorgestellt.

Ich begleitete über mehrere Monate hinweg eine an Demenz erkrankte 96-jährige Bewohnerin eines Altenheims. Meist besuchte ich sie einmal wöchentlich zur ca. einstündigen Klangmassage-Behandlung. Die Klangmassage wirkte auf Frau W. einerseits entspannend, so schlief sie während der Klangmassage regelmäßig ein, andererseits auch stimulierend, indem sie sich anschließend an vielerlei Begebenheiten aus ihrer Kindheit erinnerte. Mit Stolz und Bewunderung sprach sie oft von ihrem Vater, der Musiker gewesen war und ein Orchester gleitet hatte: „Wissen Sie, ich habe geträumt, ich säße mit Vater am Klavier.“ Als sich der Zustand der Patientin zunehmend reduzierte und sie ihr Bett nicht mehr ver- lassen konnte, berichteten die Pflegenden, dass Frau W. nach meiner Klangarbeit in den darauffolgenden Tagen auffallend mehr Appetit zeigte. Ein anderes Mal erzählte sie mir von Gerald, ihrem Sohn, der gestorben war, und von ihrem Schmerz über den erlittenen Verlust. Sie habe nie darüber sprechen können. Ich bot ihr an, ihren Sohn und den Schmerz um ihn mit in die Klangarbeit hinein zu nehmen. Sie stimmte dem erleichtert zu, und ich erlebte sie während dieser Stunde entspannter und gelöster als sonst. Sie schlief schon früh während der Klangmassage für kurze Zeit ein, danach immer öfter. Im Laufe der Zeit sprach sie zunehmend weniger. Die Klänge der Klangschalen ersetzten die gesprochenen Worte.

Besonders eindrücklich ist mir eine Klientin, Mutter zweier Kinder von 5 und 7 Jahren, von Beruf Onkologin und Psychotherapeutin in Erinnerung geblieben. Sie hatte nach einem Abdominalkarzinom mit mehreren Operationen und Chemotherapien nach 2 Jahren multiple Rezidive entwickelt. An Heilung war nicht mehr zu denken. Sie sagte: „Ich weiß, dass das Medikament mir alleine nicht helfen kann. Durch die Klangmassage komme ich aber zu mir selbst, in meine Mitte. Wenn ich in meiner Mitte bin, kann ich alles, was auf mich zukommt, besser tragen, als wenn ich nicht in meiner Mitte bin!“

Erfahrungsbericht Stefanie Ewe, 49 Jahre

Meinen ersten Berührungspunkt mit Klangmassage hatte ich im Herbst 2007 bei einem Workshop unseres Gesundheitshauses. Bis dahin hatte ich zwar von Klangmassage gehört, doch was sie wirklich ist und bewirkt, war mir nie klar. Sie soll „Blockaden lösen“ und entspannend sein und hatte vor, es mir anzusehen. Zu dem Zeitpunkt kannte ich schon einige Entspannungstechniken, doch war ich noch auf der Suche nach dem Richtigen für mich. Etwas, was mich tief berührt, mich bei mir sein lässt und auch entspannt – insbesondere nach meiner Krebserkrankung einige Monate zuvor, den Operationen und der Chemotherapie. Die Diagnose und die Behandlung hatten mich sehr mitgenommen, monatelang war ich fremdbestimmt und absolut nicht mehr bei mir – von den vielen Ängsten und Schmerzen einmal ganz abgesehen.

Bereits während der Veranstaltung herrschte eine besondere Stimmung. Die Klangschalen waren aufgebaut, es wurde viel erklärt und natürlich auch praktisch gezeigt. Das allein fand ich schon beeindruckend, und die Klänge gefielen mir gut. Natürlich wagte ich auch den Versuch, mich in eine große Klangschale zu stellen, und hatte viel erwartet. Doch im Grunde kam gar nichts. Herr van Weegen schlug die Schale an und ich spürte minimal ein Kribbeln im Zeh. Aus der Sicht von heute war ich absolut „zu“. Ich war zuerst einmal enttäuscht.

Anschließend aber folgte eine Klangreise, die ich als wohltuend und friedlich empfand. Dazusitzen und den Klang in mich aufzunehmen. Von da an wusste ich: Das gefällt mir, und davon möchte ich mehr.

Ungefähr 4 Monate später holte ich mir endlich einen Termin. Ich traute mich, obwohl es ein Einzeltermin war und ich nicht recht wusste, was mich erwartet. Umso mehr war ich überrascht, wie entspannend die Klangmassage auf mich wirkte, mich gleichzeitig aber auch erschöpfte. Ich spürte, dass sich etwas tat, doch richtig greifen konnte ich es nicht. Nach 3 oder 4 Sitzungen sprachen mich Freunde an und sagten, ich würde so strahlen. Dem war auch so, denn jedes Mal passierte etwas mit mir. Ich fühlte und fühle mich wohl, auch heute noch nach mehr als 2 Jahren. Jede Massage öffnet ein kleines Fenster von mir und wirkt noch tagelang nach, körperlich wie auch seelisch. Als Beispiel: Bei Schlafstörungen werden die Nächte besser, bei Sorgen sehe ich klarer, bei schlechtem Lymphfluss geht es meinen Beinen besser, bei Ängsten, die die Krebserkrankung tangieren, werde ich ruhiger und alles in allem immer etwas gelassener. Die Empfindungen sind bei jeder Klangmassage unterschiedlich.

Während einer Klangmassage gibt es immer wiederkehrende Abläufe, die ich immer anders empfinde. Je nachdem, in welcher Verfassung ich bin, empfinde ich die Schalen als schwer oder sehr leicht. Durch die Schwingungen der Schalen spüre ich, wie der Klang durch meinen Körper zieht und auch in Bereiche kommt, die ich sonst nicht immer spüre. Manchmal empfinde ich in der Bauchlage, wenn die Schalen auf meinem Rücken stehen, diese Momente als richtige Arbeit. Es kommt sehr viel in Bewegung, manchmal verspüre ich Herzrasen, manchmal Grummeln im Bauch… Sicherlich ist es so, dass gerade dort Spannungen angesprochen werden und sich die Schwingungen Ihren Weg suchen. In Rückenlage fühlt es sich eher beruhigend an, wie ein Zusammenführen der aufgewirbelten Reaktionen, um dann wieder ein Ganzes zu sein. Das ist dann der Moment, in dem ich mir am nächsten bin.

Ich nehme seitdem meinen Körper wieder wahr. Während der Krankheit ist mir dieses Körpergefühl geradezu abhanden gekommen. Die Massage spricht in mir so viele Stellen an, dass ich wieder angefangen habe, mich mehr zu spüren. Wenn ich dann einmal wieder völlig chaotisch und angespannt bin, fühle ich mich anschließend wieder als eins, wie als wenn mein Ich überall war, aber nicht wirklich bei mir.

Im Grunde wirkt daher jede Klangmassage verschieden bei mir: manchmal sehr entspannend, manchmal richtig anstrengend, und manchmal einfach nur schön. Die Klangmassagen haben mich im Verlauf der einzelnen Behandlungen zu mir selbst geführt.

Natürlich kann mir das Ganze nur helfen, wenn Vertrauen zwischen mir und dem Gebenden besteht. Ich hatte zuerst große Hemmungen, mich fallen zu lassen, denn ich bin ein absoluter Kopfmensch und kontrolliere gerne, was mit mir passiert. Doch im Laufe der Zeit spürte ich, dass ich dort sein kann, wie ich bin. Es ist heute immer wieder wie ein „Runterkommen“, ein „An- kommen“ – ein Ankommen in mir.

Bis auf Ausnahmen und der aktuellen Tagesform bleiben die Klänge nicht wie bei meiner ersten Begegnung mit der Klangmassage im Jahr 2007 in meiner Zehenspitze stecken, sondern sie dringen durch mich hindurch und sogar manches Mal darüber hinaus. Ich fühle mich während jeder Klangmassage gesehen. Es ist Zeit für mich, ich selbst zu sein, mir Gutes zu tun und den Alltag draußen zu lassen. Eine „Reise“ zu mir, die jedes Mal anders und spannend ist und sich auf meinen Alltag überträgt.

Reinhold van Weegen, Leitung des IeK – Institut für energetische Klangarbeit, Krankenpfleger, Kursleiter Palliative Care

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