Klangmassage im Gesundheitsbereich

Von Stefan Salzmann

Klangmassage ist eine Entspannungsmethode, die Mitte der 80er-Jahre in Deutschland bekannt geworden ist. Im Verlauf einer Behandlung werden Klangschalen auf und um den bekleideten Körper gestellt und mit einem Schlegel intuitiv angeschlagen. Interessant ist, dass in den Ländern des asiatischen Raums, wie Indonesien, Indien, China, Tibet und Nepal, in denen man Klangschalen vor allem zu religiösen Zwecken einsetzt, die Klangmassage zur Entspannung unbekannt ist.

Der Begriff „Klangmassage im Gesundheitsbereich“ (KiG) entstand aus dem Bedürfnis und dem Wunsch vieler Anwender, das Potenzial, das die Klangmassage birgt, weiterzuentwickeln. Seit rund 5 Jahren kommt die KiG immer mehr in Einrichtungen des Gesundheitswesen zum Ein- satz. Klänge und Vibrationen werden gezielt unter Berücksichtigung der individuellen Bedürfnisse von Patienten, Angehörigen und Mitarbeitern eingesetzt. Ihre Wirkung entfaltet sich auf körperlicher (auditiv und neuronal), psychologischer und emotionaler sowie spiritueller Ebene. Meist wird die KiG als Einzelarbeit ange- boten und kann sowohl ambulant als auch stationär erfolgen. Die Gruppenarbeit zeichnet sich besonders im verbindenden Element des gemeinsamen Erlebens aus. Verwendet werden obertonreiche Instru- mente, wie therapeutische Klangschalen und Gongs. Um ein besonders obertonreiches Klangspektrum zu erzielen, werden spezielle und qualitativ hochwertige Legierungen zu ihrer Herstellung verwendet.

Klang ist ein akustisches Signal, eine Schwingung, die durch Schall übertragen und durch Lautstärke, Tonhöhe und Klangfarbe definiert ist. Er wird ausgelöst durch eine mechanisch erzeugte Luftdruckschwankung, die hier beim Anschla- gen der Klangschale entsteht. Während einer Behandlung hat die Lautstärke die Intensität von leisem Flüstern bis zu normaler Unterhaltung (ca. 30–50 dB). Der unveränderliche Grundton der Klangschale bestimmt die Tonhöhe, die ent- sprechenden Obertöne schwingen bis ca. 4000 Hz. Die menschliche Stimme schwingt bei ca. 200–400 Hz. Auch die Klangfarbe, die abhängig von der Form, dem Material und der Tonbildung ist, kann hier nicht verändert werden. Daraus ergibt sich eine Zuverlässigkeit des in der Klangschale festgelegten Klangs. Dies bietet einen entscheidenden Vorteil zum Klang der menschlichen Stimme, die immer von Stimmungen (z. B. Freude, Enttäuschung, Aufregung, Zorn) geprägt ist. Der Klang der Schale jedoch ist neutral und somit frei von jeglicher Bewertung. Alles, was emotional geschieht, darf passieren, darf gelten – Wut und Trauer, Weinen und Lachen, Zufriedenheit, Glücks- und Wohlgefühle.

Man weiß, dass hochfrequente Töne (3000–8000 Hz) die kortikale Tätigkeit anregen und Bewusstsein, Denkfähigkeit, Wille, Gedächtnis usw. beeinflussen, was sich in geistiger Wachheit, Vitalität und Kreativität zeigt. Niederfrequente Töne (125–750 Hz) regen zu körperlicher Be- wegung an, tiefes Brummen kann einen ermüdenden Effekt haben, und schnelle Rhythmen erschweren die Konzentration.

Obertöne kennt jeder. Da Hören zu unseren ersten Sinneseindrücken gehört, ist ihre Wahrnehmung eng verbunden mit dem Erleben der pränatalen Zeit. Mit zunehmender Hörfähigkeit des Embryos vermitteln die Körpergeräusche der Mutter, wie Stimme und Herzschlag (Rhyth- mus), Ordnung und Vertrauen. Wegen der Ähnlichkeit der intrauterinen Klangwelt zu Naturgeräuschen, wie das Rauschen des Meeres, das Rascheln von Blättern im Wind oder das Plätschern eines Bachs entsteht eine Koppelung an Urvertrauen: geborgen und geschützt, getragen und geliebt zu sein.

Musikalische Töne sind immer Teil- oder Partialtöne. Sie bestehen aus einem Grundton und den sich nach dem Oktavgesetz der Musiklehre zusammensetzenden Obertönen. Diese sind ganzzahlige Vielfache der Frequenz des Grundtons. Je mehr Frequenzen sich überlagern, umso wärmer hört sich die Klangfarbe für unser Ohr an. Ein einzelner Ton, wie z.B. der Sinuston eines Computers, ist eine isolierte Frequenz und hört sich kalt und unnatürlich an. Ein Gemisch aus bestimmten, also festgelegten Frequenzen (Noten) bezeichnen wir als Musik; ein Gemisch mit unbestimmten Frequenzen (laufender Motor) als Geräusch. Die Ordnung macht den Unterschied.

Schall nehmen wir über das Ohr und die Knochenleitung wahr. Im Innenohr findet die Transformation in elektrische Impulse statt. Sie werden über den N. cochlearis über die Hörbahn zur Hörrinde im Schläfenlappen des Großhirns geleitet. Auf ihrem Weg dorthin durchlaufen sie den Colliculus inferior, den unteren Hörbahnhügel der Lamina tecti im Mittelhirn. Ein Teil der Impulse wird von dort über den Thalamus an das Limbische System weitergeleitet. Hier wird das akustische Signal auf ein mögliches Gefahrenpotenzial überprüft und mit früheren Höreindrücken abgeglichen: Sirene, Musik, Motorengeräusche, Vogelgezwitscher. Die Klänge werden emotional besetzt, in dessen Folge der Körper in einen Alarm- oder Entspannungszustand versetzt wird. Das vegetative Nervensystem reagiert mit den entsprechenden unwillkürlichen Reaktionen und der Ausschüttung von Stress- oder Glückshormonen. Das Mittelhirn mit den Strukturen des auditiven Systems ist entwicklungsgeschichtlich älter als unser Großhirn. Es ist dem kortikalen System vorgeschaltet und überwiegend unabhängig von dessen Beeinflussung. Somit können obertonreiche Klänge in tiefere Bewussteinsschichten dringen, ohne vom rationalen Bewusstsein zensiert zu werden. Daher können sie in der Arbeit mit dementen Menschen, Menschen mit sensorischen Behinderungen, Sterbenden und in der Rehabilitation komatöser und apallischer Patienten hinsichtlich verbal nicht oder nur schwer zugänglicher Bereiche eingesetzt werden. Wo Sprache nicht verstanden wird, versteht man Musik.

Mit Klangschalen und Gongs lassen sich ausschließlich sanfte Vibrationen erzeugen. Sie breiten sich im Körper in den Geweben je nach Wasser- oder Luftanteil und nach Frequenz stärker oder schwächer aus. Die vibratorische Stimulation kann die Mikrodurchblutung des Gewebes fördern, den Lymphfluss und die Nierentätigkeit anregen, Neurotransmitter freisetzen und die Produktion schmerzhemmender, körpereigener Stoffe anregen und so zu Stressabbau und Entspannung führen.

Rhythmus, Zyklus und Periodizität prägen das Leben auf der Erde. Unser Leben ist bestimmt durch Tag und Nacht, durch die Jahreszeiten, durch sich immer wiederholende Tätigkeiten und Tagesabläufe, durch Phasen der Ruhe und Anspannung bis auf molekularer und zellulärer Ebene. Wir können darauf vertrauen, dass morgens immer wieder die Sonne aufgeht und wir nach dem Schlafen wieder wach werden. Der regelmäßige Anschlag der Klangschalen gibt dem Patienten Information darüber, dass der Klanggeber während der Klangmassage in seiner Begleitung immer zugegen ist. Umgekehrt bestätigt der Klanggeber die Gewissheit seiner Anwesenheit: „Ich bin da.“. So ist eine gegenseitige Verbindung entstanden, die mit jedem erneuten Anschlag bestätigt wird. Je gleichmäßiger und zuverlässiger der Anschlag kommt, desto leichter entsteht Vertrauen und umso tiefer kann die Entspannung werden.

Klang rührt an. Eine Klangmassage wird nur gut gelingen, wenn wir bereit sind zu emotionaler Resonanz. „Was willst Du, das ich Dir tue?“ Das Wissen um die Möglichkeit, mit der KiG an Emotionen des Urvertrauens anknüpfen zu können, unter Berücksichtigung des jeweiligen Gesund- heitszustands bei Patienten mit zerebralen Erkrankungen, wie Demenz, Apoplexie, Morbus Parkinson, Tumoren oder im Sterbeprozess, setzt eine offene innere Haltung, hohe Sensibilität und ethische Verantwortung voraus. Jeder der mit der KiG arbeiten will, muss sich einlassen auf ein „Aufeinander-Bezogen-Sein“ und muss die Wirkung um sein Tun wissen, d.h. die KiG auch selbst erfahren.

Aus Stille entsteht Klang. Somit birgt Stille ein schöpferisches Potenzial. Stille stärkt die Selbstwahrnehmung. Hören Sie auf sich : Lauschen Sie doch einmal in sich hinein, auf ihre Atmung, das Pulsieren ihres Blutes, das Rauschen in Ihren Ohren. Das geht am besten in der Stille. Stille öffnet innere Räume und ist ein gutes Training, mit sich selbst in Kontakt zu kommen und die eigene Mitte zu finden. Stille ermöglicht echtes Zuhören, um in Kommunikation und Beziehung zu treten.

Die KiG entfaltet ihre Wirkung auf körperlicher Ebene mit allen bekannten Entspannungsreaktionen, wie Muskelentspannung, Absinken von Puls und Blutdruck, effektiver Atmung, bessere Hautleitfähigkeit und zentralnervösen und hormonellen Veränderungen. Konzentration- und Lernfähigkeit, Motivation und Kreativität werden angeregt. Auf der psychologischen und emotionalen Ebene zeigen sich Entspannung, Ausgeglichenheit, Angst- und Schmerzreduktion, Dämpfung der Stressreaktion und der Schmerzwahrnehmung. Klänge werden bei religiösen Handlungen und Ritualen in fast allen Kulturen eingesetzt. So spricht die KiG auch die spirituelle und religiöse Ebene jedes einzelnen an. Die KiG ist eine junge Methode mit viel Potenzial, die unkompliziert und indivduell eingesetzt werden kann. Sie ist geprägt durch Techniken, die einfach zu erlernen sind und sich schnell umsetzen lassen.

Stefan Salzmann Leitung des IeK – Institut energetische Klangarbeit, Entspannungstherapeut /– pädagoge, Heilpraktiker 

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