Spirituelle Begleitung und Klangmassage

Von Reinhold van Weegen

Einführendes
Ich war nicht schlecht erstaunt als mich gerade eine Seelsorgerin und Ordensfrau ansprach, ob ich nicht die Begleitung mit Klangmassage bei einem Geistlichen übernehmen möchte. Sie hatte selbst einige Male Klangmassage von mir bekommen und auf Grund der Wirkungen überlegt, ob es nicht auch etwas für einen an Morbus Parkinson erkrankten Geistlichen sein könnte. Von ärztlicher und familiärer Seite unterstützt, wurde ich Herrn Bischof L. vorgestellt. Dieser zeigte sich aufgeschlossen für jegliche Art von Musik und meinte, dass wir es doch mal probieren sollten.
Bischof L. war zu der Zeit überwiegend bettlägerig, ein großer und kräftiger Mann, der äußerst bewegungseingeschränkt und versteift wirkte. Seine Erkrankung war seit circa sechs Jahre diagnostiziert und der Verlauf schnell fortschreitend. Seit zwei Monaten lebte er nun in diesem persönlich eingerichteten Altenheimzimmer und alle Pflegeutensilien deuteten darauf, dass es sich um eine umfassende Pflegesituation handelte.

Das Krankheitsbild des Morbus Parkinson
Das Krankheitsbild des Morbus Parkinson entsteht durch eine Degeneration der Substantia nigra des Gehirns. Sie bildet mit anderen Teilen des ZNS die Basalganglien. Diese dienen der Koordination und Schnelligkeit bei der Ausführung von Bewegungen. Dafür werden verschiedene Neurotransmitter wie Dopamin und Acetylcholin benötigt. Erkrankungen der Basalganglien führen zu hypo- und hyperkinetischen Bewegungsstörungen. Dopamin wird unter anderem in der Substantia nigra gebildet. Die Aufgaben des Dopamins sind vielfältig, wie unter anderem Steuerung der extrapyramidalen Mototrik, Regulation der Durchblutung der Abdominalorgane und Einflussnahme auf den Hormonhaushalt als Vorstufe der Hormone Noradrenalin und  Adrenalin.  Auch Acetylcholin erfüllt mehrere wichtige Funktionen. Es ist ein Überträgerstoff bei der Erregungsüberleitung von postganglionären parasympathischen Neuronen auf das Erfolgsorgan. Es führt unter anderem zu  einer Abnahme der Herzfrequenz, einer Steigerung der Speichel-, Magensaft-, Bronchial- und Schweißsekretion sowie einer Tonuszunahme der glatten Muskulatur des Magen-Darm-Kanals, der ableitenden Harnwege und der Bronchialmuskulatur.
Kommt es zur Degeneration der Substantia nigra und somit zum Mangel an Dopamin, entsteht ein Ungleichgewicht der beiden Neurotransmitter.
Typische Symptome des Parkinson-Syndroms sind Störungen der normalen Bewegungsabläufe wie Bewegungsverlangsamung (Bradykinese) und -armut (Hypokinese), zum Beispiel Arme schwingen beim Gehen nicht mit, Schritte werden immer kleiner, schlurfender Gang, Mikrographie. Ruhezittern (Ruhetremor) der Hände, Arme und Beine, verstärkte Muskelspannung (Rigor), Fallneigung, starre Mimik, leise und monotone Stimme. Psychische Veränderungen wie Stimmungsschwankungen, Überempfindlichkeit und Gereiztheit, Depression, Demenz und vegetative Störungen wie Speichelfluss, Verdauungstörungen, Schwitzen und vermehrte Talgsekretion (Seborrhoe) u.a.
Eine medikamentöse Therapie gibt es, aber meist lassen die Wirkungen der Medikamente mit der Zeit nach. Eine Heilung der Erkrankung ist nicht möglich.

Klangmassage mit Herrn Bischof L.
Herr Bischof L. zeigte sich trotz aller Denk- und Erinnerungsstörungen mir sehr freundlich und zugewandt. Eine Behandlung war nur in Rückenlage möglich, da er sich nicht selbstständig, sondern nur mit Hilfe eines elektrischen Personen Hebelifters bewegen ließ. Lagerungshilfsmittel zur Entlastung bestimmter Körperregionen waren an verschiedenen Stellen positioniert, Kissen unter den Armen, unter Kniekehlen und Waden etc. Ich war stets dankbar, wenn Herr Bischof L. im Bett mittig gelagert war, damit ich rechts und links von ihm ausreichend Platz hatte meine Klangschalen abzustellen. Vom Pflegepersonal erfuhr ich, dass er einen verschobenen Tag- und Nachtrhythmus hat, nachts war er eher in Bewegung und versuchte mit viel Anstrengung über das hochgestellte Seitenteil des Bettes zu klettern, tagsüber schlief er dann viel. Er verspürte ständig, wie bei diesem Krankheitsbild nicht unüblich, das Bedürfnis sich aufzurichten. Man dachte bereits daran Sedativa (Beruhigungsmittel) zu verabreichen.

In diese Zeit hinein begann ich mit meiner Klangarbeit bei ihm einmal wöchentlich, abends von 19-20 Uhr. Ganz präsent, wenn auch oft ermüdet, folgte er mit seiner Aufmerksamkeit dem Klang. Immer wieder sagte er in die Klangmassage hinein: „Das sind ja wunderbare Klänge“, „Wie machen Sie diese Klänge?“,  „Können Sie die Klänge beeinflussen?“.

Einmal hatte ich den Eindruck, er wollte mich ein wenig auf den Arm nehmen als er fragte: „Glauben Sie, dass man mit diesen Klängen entschwinden kann?“ Ich fragte: „Würden Sie das wollen?“, darauf er „… schön wär’s!“ und schmunzelte dabei über das ganze Gesicht.
Er genoss sichtlich die Klänge und die dabei entstehende Ruhe. Nach und nach hörte er dann auf zu sprechen und überließ sich den Klängen, meistens schloss er dabei die Augen. Anfangs verfolgte er mein Tun mit Wachheit und Interesse.

Als sein Bruder bei einem der ersten Male im Hintergrund einer Klangbehandlung zugegen war, äußerte dieser nachher leise auf dem Flur: „Das ist ja richtig wie Gottesdienst – so spirituell!“ und sagte nur noch bevor er sich still verabschiedete und ging: „Ich rufe Sie morgen an“. Der Anruf hatte nur das Ziel die Behandlung von einmal auf zweimal die Woche zu erhöhen und nach meiner zeitlichen Kapazität zu fragen, denn er sei davon überzeugt, wie er seinen Bruder erlebt habe, dass es ihm sehr gut tue und seine Situation erleichtere. Nun ergab es sich so, dass Herr Bischof L. viel Besuch bekam, der inzwischen durch seinen Bruder zeitlich geplant wurde. Die beiden Abende pro Woche mit Klang wurden als „heilige Zeit“ fest eingeplant.

Eines Abends als ich nach dem Anklopfen ins Zimmer kam, sah ich seine weit aufgerissenen Augen auf mich gerichtet. Bischoff L. konnte mich im dunklen Vorflur noch nicht erkennen und ich hatte den Eindruck, er befürchte es käme schon wieder jemand zu Besuch, was ihn überfordert hätte. Besuch ablehnen war nicht seine Stärke. Dies registrierend grüßte ich ihn gleich mit: „Ich bin’s, der Mann mit dem Klang!“. Sein Gesicht entspannte sich sofort und er ließ seinen Körper erleichtert in die Kissen zurückfallen. „Dann ist es gut“, folgte eine erleichtert klingende Stimme.
Um meinem Klienten den nötigen Schutzraum zu geben, begann ich zunächst, wie später auch immer, mit einem dreimalig durchgeführten großen Klangbogen mit entsprechender  Anschlagrichtung zur Reinigung bzw. Erdung. Für die Positionen der Klangschalen musste ich vorweg jeweils ein einigermaßen stabiles Konstrukt anfertigen, damit diese Figuren möglich waren. Hierfür benutzte ich am Fußende einen Rollstuhl und zusätzlich, wegen des Klangbogens am oberen und unteren Ende des Bettes gefaltete Wolldecken und feste Kissen als Unterlage. Da die gesteigerte Aktivität in der Nacht das auffälligste Symptom war, arbeitete ich in Richtung Erdung und zunehmender Ruhe. Mit der Beckenschale auf dem Bauch und im Beckenbereich, diese in langsamem Rhythmus anschlagend, machte ich das Angebot seine Körperwahrnehmung zu stärken und damit mehr Harmonie zu erreichen.

Manchmal war Bischof L. auch wach und hatte bewusst seine Augenlider geschlossen, um die Situation intensiver genießen zu können.
Das Arbeiten in der Aura war stets der Beginn. In Rechtsdrehungen bewegte ich die Gelenkschale in der Gesundheitsaura (circa 30 cm über dem Körper) und leitete  die Energie weiter. Nach der  Behandlung des linken Fußes folgte die des Knies. Danach begann die bahnende Auraarbeit im Beckenbereich über Oberschenkel, Knie und Füße. In einem großen Bogen, den ich außerhalb des Bettes führte, kehrte ich zum Ausgangspunkt zurück. Jetzt folgte die Behandlung der rechten Seite. Häufig zuckte der rechte bzw. linke Fuß von Bischof L., wenn ich über ihm im Aurafeld arbeitete, sogar, wenn eine dünne Decke darüber lag. Diese Arbeitsfolge hielt ich in den ersten sechs bis sieben Monaten regelmäßig ein. Mein Ziel war Ruhe und Energiefluss in seinem Körper zu fördern. Später  reduzierte sich der Allgemeinzustand des Bischofs. Seine Bewegungen waren deutlich verlangsamt. Um Wachheit und Energiezufuhr zu steigern war es jetzt notwendig die Richtung des Anschlags und des bahnenden Arbeitens zu ändern. Ich begann mit der Erdung an den Füßen und führte das bahnende Arbeiten mit verschiedenen Gelenk- und Herzschalen durch. Abschließend erhöhte ich dann die Frequenz der Anschläge der hell klingenden Kopfschalen, die oberhalb seines Kopfes positioniert waren, um seine Aufmerksamkeit dorthin zu lenken. Die zart gegeneinander angeschlagenen Zimbeln steigerten die Konzentration des Bischofs. Dies erhielt ihm noch lange die Fähigkeit, ihn nach der Klangmassage etwas von seinem geliebten Weißwein genießen zu lassen. Durch die so erreichte Wachheit und Aufmerksamkeit war das Risiko sich zu verschlucken deutlich minimiert. Diese Gaumenfreude mit Wein erfüllte ich ihm jedes Mal, bis auf die letzten beiden Termine, da sich sein Allgemeinzustand noch mehr reduziert hatte und der Körper deutlich geschwächt war. Mir war wichtig, dass Herr Bischof L. seinen geliebten Wein auf eine möglichst gewohnte Art und Weise zu sich nehmen konnte. Wein sollte er aus einem Weinglas und nicht aus einem Schnabelbecher oder ähnlichen Hilfsmitteln trinken.
Mit Unterstützung der Schalen erreichten wir, dass das Weintrinken als Ritual ein regelmäßiger Genuss blieb. – Herr Bischof L. strahlte! –

Einige Male hatte Herr Bischof L. den Impuls die Klangarbeit selbst zu übernehmen. Ich gab ihm den Schlägel, führte teilweise seine Hand und gab seinen ziellosen, in der Luft durchgeführten Schlägen so eine Richtung die Schalen zu treffen. Nach wenigen Schlägen genügte es ihm und er überließ mir die Klangarbeit wieder. Als sich bei Herrn Bischof L. eines Tages Anzeichen von Verlegung der Atemwege durch Schleim zeigten, führte ich ein bahnendes Arbeiten über verschiedene Klangschalen aufsteigend durch und leitete rechts und links im Wechsel über die Schulter jeweils die Klangwellen aus. Die Folge war, dass Bischof L. einige Zeit später kräftig abhustete. Es wurde deutlich, dass die Klangmassage zum Lösen des Schleims und zur Unterstützung des Abhustens beigetragen hatte.

Manchmal behandelte ich einen Körperbereich dreimal so lange wie normalerweise für einen Bereich vorgesehen. Dies tat ich im Beckenbereich und an den Füßen mit der Beckenschale. Außerdem führte ich die Gelenkschale mittels bahnendem Arbeitens, jeweils über das rechte und dann das linke Bein. Der Anschlag war immer Richtung Füße und darüber hinaus gerichtet. Es sollten keine Klangbrüche entstehen. Alles was durch die Schwingungen der Klangschalen in Bewegung gesetzt wurde sollte in Fluss bleiben. Diese waren besondere Momente in unserem gemeinsamen Klangraum, die ich gerne festgehalten hätte. So blieben mir Schweigen und Schauen.

Rückschau
Schon nach wenigen Klangbehandlungen meldeten mir die Mitarbeiter der Pflege vom Nachtdienst auch eine deutliche Verbesserung des nächtlichen Zustandes bei Herrn Bischof L. Er sei ausgeglichener und nicht mehr unruhig. Tagsüber nahm seine Wachheit sichtlich zu und er konnte wieder in den Rollstuhl mobilisiert werden. Täglich wurde er angekleidet und konnte sogar wieder als Priester am Altar die heilige Messe mitfeiern und war außerdem so stabilisiert, dass er mit dem Rollstuhl in den Garten gefahren werden konnte.
Ich beobachtete, dass vieles, was außer Kontrolle geraten war, in Fluss gekommen war. Körper und Seele schienen mehr ausgeglichen. Eines meiner Ziele war es jedes Mal diesen Energiefluss zu stärken.
Herr Bischof L. wirkte über eine lange Zeit hin erleichtert und entspannt. Es war ihm wieder möglich Gespräche besser zu führen. Auch stellten sich während und nach der Behandlung Darmgeräusche ein, die auf eine Anregung der Peristaltik des Darmes hinwiesen. Die dadurch entstandenen Verdauungsprozesse führten zur Reduzierung der bisher notwendigen Gabe von Laxantien (Abführmittel).

In den Behandlungen sank er fast regelmäßig unter dem Einfluss des sich entwickelnden Klangteppichs in einen Entspannungszustand der ein leises und ruhiges Schnarchen hervorrief. Die Situation beschreibend stand für mich dann sehr deutlich so etwas im Raum wie: „Es ist gut!“

Nach ungefähr zehn Monaten unseres gemeinsamen Weges hatte sich der Allgemeinzustand im Zuge des Krankheitsverlaufes sehr verschlechtert. Schleim auf den Bronchien führte zu einer Pneumonie, woran Herr Bischof L. im Krankenhaus nach wenigen Tagen starb.

Ich erinnere mich noch gut an eines der beiden Male, als ich ihn um seinen priesterlichen Segen bat, für eine gemeinsame Reise mit meinem Sohn zum Abitur. Bischof L. war sehr schwach, segnete mich mit geschlossenen Augen und sprach verzögert, aber klar, mit seiner rechten Hand die Segensbewegung ausführend: „Gute Tage in Rom! – benedicite, seid gesegnet“.
So haben wir uns gegenseitig ein Stück gemeinsamen Weges begleitet.
Sein Bruder sagte später zu mir: „Mein Bruder schätzte Sie und Ihre Arbeit sehr, den Mann mit dem Klang.“